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September 2018
Coworking, wie fühlt sich das an?

Coworking, wie fühlt sich das an?

Am 04. Oktober 2018 wird der erste Coworking-Space im Bezirk Landeck eröffnet. Zu finden ist der Coworking Space, Cowo Lantech, im 2. Stock des Innovationszentrums Lantech. Im Vorfeld der Eröffnung hat sich der Leiter des Cowo Lantech, Karlheinz Eckhart, selbst unter die Coworker begeben, um herauszufinden, wie sich Coworking anfühlt und worauf es ankommt.

Die Philosophie des Coworking ist stark mit der Digitalisierung verbunden. Anfang der 2000er Jahre sind gut ausgebildete IT-Fachkräfte mit ihren Projekten von Stadt zu Stadt gezogen, um diese möglichst nahe beim Kunden abzuwickeln. War ein Auftrag in New York abgeschlossen, ging es weiter nach Berlin, London oder Paris. Diese Wanderfachkräfte nennt man seither Digitale Nomaden. Im Jahr 2005 hatte schließlich ein findiger Vermieter in den USA die Idee, für Digitale Nomaden einen Coworking Space einzurichten. Die Idee schlug ein wie eine Bombe, seither eröffnen Coworking Spaces rund um den Globus und geben längst auch UnternehmensgründerInnen eine kreative Heimat.

Was bedeutet eigentlich Coworking?

Zunächst einmal bietet ein Coworking-Space die Möglichkeit einen einzelnen Arbeitsplatz zu mieten. Die Mietdauer kann von einem einzigen Tag bis zu mehreren Monaten oder Jahren reichen. Den Coworking-Platz nennt man Hotdesk oder Flexdesk, kurz Desk. Inkludiert beim Desk sind in der Regel ultraschnelles Internet, die Möglichkeit einen professionellen Drucker zu nutzen, sowie verschiedene Besprechungsräume oder -ecken, die in der Regel kostenlos gebucht werden können. Das Arbeitsgerät selbst, meist ein Laptop, bringen die CoworkerInnen natürlich selbst mit.

Herzstück eines jeden Coworking-Space ist immer die Cafeküche. Und damit wären wir auch schon beim Thema "Philosophie des Coworking". Coworking heißt nicht, einen Arbeitsplatz zu mieten und sein Arbeitsumfeld komplett zu ignorieren. CoworkerInnen suchen aktiv die Community und leben gewisse Grundsätze, die sehr oft in einem Manifest festgehalten werden.

Coworking in Dornbirn - meine Eindrücke

Wenn es um das Thema Coworking geht, so gibt es auch in Österreich ein paar Hotspots. Wenig überraschend gibt es eine Szene in Wien. Im Westen hat sich eine aktive Coworking-Szene in der Vorarlberger Stadt Dornbirn gebildet. Schon bei den Recherchen zum Thema Coworking stoße ich immer wieder auf die „Gelbe Fabrik“ und auf den Campus V, beide in Dornbirn. Als Leiter des Coworking im Lantech möchte ich mich auf die neue Aufgabe vorbereiten und beschließe kurzerhand, selbst für 2 Tage Coworker zu werden - in Dornbirn.

Ich schaue mir beide Websites an und sehe, dass die Gelbe Fabrik eine durchwegs in Englisch gehaltene Website betreibt. Die wichtigsten Infos finde ich auf einen Blick. Dass man in der „Fabrik“ gratis parken kann, nehme ich sehr positiv zur Kenntnis. Auch im Campus V finde ich auf der Website sehr schnell alle wichtigen Informationen, Parken ist hier in der hauseigenen Tiefgarage um EUR 10,- pro Tag möglich, auch das ist für einen eintägigen Besuch absolut akzeptabel. Dass an meinem Coworking-Tag im Campus V der Kassenautomat seinen Dienst versagen und ich auch hier zu einem kostenlosen Tagesticket kommen sollte, sei nur ein kleines Detail am Rande.

Kurzerhand frage ich bei beiden Coworking-Spaces an, teile auch jeweils mit, dass ich quasi als „Spion“ komme und keine dauerhafte Mietabsicht habe. Trotzdem reagieren beide Coworking-Anbieter sehr freundlich und professionell binnen weniger Minuten und rufen mich sogar zurück, um mir alles zu erklären. Wir vereinbaren jeweils einen Tagestermin. Ich bin sehr positiv überrascht, so hatte ich mir meinen Coworking-Einstieg vorgestellt. Der erste Eindruck ist sehr wichtig und dieser war bei beiden Spaces sehr positiv. Ein Danke an dieser Stelle an Christoph vom Campus V und an die Sara von der Gelben Fabrik.

TAG 1 - Die gelbe Fabrik in Dornbirn

Ich reise am 18. September nach Dornbirn, bin nach ca. 1,5 Stunden in der Fabrik. Wie mit  Sara vereinbart bin ich gegen 9 Uhr beim CheckIn. Sara ist kurzfristig wegen einem Arzttermin verhindert, in der Gelben Fabrik aber kein Problem. Kurzerhand übernimmt die Coworkerin Anja den Job, zeigt mir die Fabrik und weist mir einen Platz zu, WLAN inklusive. Anja ist selbst schon lange Grafikerin und trotz gefülltem Terminkalender nimmt sie sich Zeit, um meine Fragen zu beantworten. Das gehöre zum Coworking dazu, dass man sich gegenseitig hilft, so Anja. Ehrlich gesagt finde ich das sehr sympathisch. Wie mir Sara später erklären wird, gibt es beim Coworking ein paar Grundsätze, an die sich alle halten sollen, einer davon lautet, man hilft sich.

Die Gelbe Fabrik war früher einmal eine Textilfabrik. Nach dem Niedergang der Textilindustrie standen Teile der Fabrik leer. Vor 2 Jahren schließlich öffnete der Besitzer das Gebäude für Coworking und nun arbeiten mehr oder wenig ständig an die 40 CoworkerInnen im Gebäude, im Erdgeschoss ist eine Kanzlei zu finden. Die Fabrik hat den besonderen Charme alter Industriegebäude und dieser wurde bewahrt, auch wenn moderne Infrastruktur wie Drucker, WLAN oder Multimedia-Besprechungsräume nachgerüstet wurden. Herzstück, wie bereits auf der Website angekündigt, ist die Cafeküche mit großem Tisch, Cafeautomat und Geschirrspüler. "Wir kochen hier regelmäßig und sitzen auch abends öfter zusammen", erklärt mir Sara. "Beim Coworking sind auch schon einige Freundschaften entstanden, Wege trennen sich natürlich auch wieder", so Anja, die freundliche Grafikerin. Ich stelle alle Fragen und vergesse dabei, die Tür von der Küche zum Arbeitsbereich zu schließen. Ein Coworker kommt und schließt diese. Anfängerfehler! Man sollte darauf achten, dass im Arbeitsbereich möglichst Ruhe herrscht, immerhin arbeiten in der Etage bis 10 - 15 Personen. Telefonieren sollte man im Raum nur, wenn wirklich ein PC notwendig ist, ansonsten stehen kleine Besprechungsnischen zur Verfügung. Ich bin überrascht, wie ruhig es im Raum so zugeht. Hin und wieder wird die Ruhe durch eine kurze Konversation unterbrochen, die Leute arbeiten hier durchwegs auch an gemeinsamen Projekten. Ein Coworker geht durch den Raum, um Gummibärchen zu verteilen. Es gibt unangenehmere Unterbrechungen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es in der Fabrik sehr familiär zugeht. Hier arbeiten GrafikerInnen, Webdesigner, Marketing-Fachkräfte in einem gemeinsamen Büro. Alle durchwegs gut ausgebildet. Es scheint hier weniger darum zu gehen, sich Geld in Form von Mieten zu sparen. Es handelt sich mehr um eine Arbeitseinstellung, bei der die Work-Life-Ballance eine Rolle spielt.

TAG 2 - Der Campus V

Der 2. Tag führt mich in den Campus V. Wie der Name schon verrät, befindet man sich hier nicht weit vom Uni-Campus-Gelände der FH Dornbirn entfernt, die FH ist in Sichtweite. Rund um die Fachhochschule haben sich mehrere Business-Parks etabliert, die Bürovermietung anbieten. "Insgesamt ist die Rheintalfurche ein attraktiver Wirtschaftsstandort", wie mir Christof Drexel, Leiter des Campus V bei einer ausführlichen Führung bestätigt, die uns auch auf die Dachterrasse führt. Direkt im Dreiländereck zur Schweiz und zu Deutschland, mitten im Bodenseeraum geht es wirtschaftlich ordentlich zur Sache. Die rechtzeitige Transformation weg von der Textilindustrie hin zu neuen Geschäftsbereichen ist hier vorbildlich gelungen. Und natürlich darf da ein Coworking-Space nicht fehlen.

Das Konzept des Campus V unterscheidet sich von jenem der Gelben Fabrik. Im Coworking-Space des Campus befinden sich großteils abgetrennte Büroflächen, die von Startup-Unternehmen, aber auch von etablierten Unternehmen gemietet wurden. In der Mitte befindet sich ein Open Space, bei dem offenes Coworking betrieben wird. Dieser bietet Platz für bis zu 10 Personen. Treffpunkt ist im Campus V der sehr zentral positionierte und großzügig ausgestattete Aufenthaltsbereich mit Küche, Sitzgelegenheiten und Tischtennis-Tisch.

Als Tagesgast beziehe ich natürlich den Open Space. Im Open Space arbeitet eine Mitarbeiterin eines Startup-Unternehmens, die aus dem Baltikum stammt. Die Begrüßung ist auch hier sehr kollegial, die Frau erzählt mir, dass sie gemeinsam mit anderen Coworkern an einer Software-Lösung in Deutschland arbeitet. Das Team in Mitteleuropa verstreut und nutzt Coworking mit all seinen Facetten. Eine zweite Dame, die an diesem Tag hier arbeitet, erklärt mir, dass sie kleinere Open Spaces bevorzugt und deshalb im Campus regelmäßig arbeitet.

Am Ende des 2. Coworking-Tages ist es schließlich Zeit, die Eindrücke für unser Projekt zu bündeln. Irgendwie fällt mir spontan ein Vergleich ein, wenn ich an Coworking denke. Und zwar die Analogie zum Camping. In meiner Jugend waren Campingurlauber Leute, die sich kein Hotel leisten konnten. Eines Tages fand einen Paradigmen-Wechsel statt. Plötzlich wurde Camping zum Lifestyle-Produkt. Die Tatsache, dass sich Menschen nach Naturverbundenheit sehnten, brachte dem Camping einen Hype. Und plötzlich wurde das Campieren zum Mainstream. Ein Wohnmobil um EUR 100.000,- ist heute keine Seltenheit, dazu kommen noch Standgebühren und anderes. Dagegen wäre Hotelurlaub günstig, aber es ist eine Philosophie, die nicht länger eine Frage des Vermögens sein sollte.

Coworking ist immer noch eine sehr kostengünstige Sache, aber es geht hier längst nicht mehr nur um günstige Mieten. Coworker sind Coworker, weil sie die Philosophie des gemeinsamen Arbeitens leben wollen. Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Ich treffe Unternehmen, die könnten sich auch ein Büro leisten, geben die Mieten aber lieber für einen Coworking-Space aus. Hier hat man das Gefühl, dass man nie alleine ist und immer ein tolles Umfeld vorfindet.